Impressionen

Impressionen auch Aachen's schönstem Viertel

Wo aus Bewegung und Klang besondere Momente entstehen

  • Das 25. Tanz-Festival „schrit_tmacher“ in Aachen beginnt am 3. März und bietet bis zum 5. April ein ausgezeichnetes Programm. Die bewegte Geschichte des Festivals auf einen Blick. Rund 250.000 Besucher.
  • Die international angesagte Adresse für Modern Dance ist eng mit dem Veranstaltungsleiter Rick Takvorian und seinem Team verbunden.
  • „schrit_tmacher“ ist international, ob Flamenco, afrikanischer Tanz, Square Dance, klassisches Ballett oder sogar Street-Dance-Elemente. Durch die Kooperation mit Heerlen und Eupen gibt es weitere Spielorte.

Die Besten des Modern Dance haben diesen Termin in ihrem Tour-Kalender vermerkt: Festival „schrit_tmacher“ in Aachen. Zum 25. Mal findet in diesem Jahr das Gipfeltreffen des Tanzes vom 3. März bis 5. April statt. Seit 2010 gibt es die Kooperation mit Parkstad Limburg Theaters (Heerlen und Kerkrade), seit 2016 auch mit dem Kulturzentrum Alter Schlachthof im belgischen Eupen.

Freuen sich auf das 25. “schrit_tmacher“-Festival in Aachen: Veranstaltungsleiter Rick Takvorian, seine Management-Kollegin Steffi Gerhards und die Aachener Kulturdezernentin Susanne Schwier. Foto: Stadt Aachen/Andreas Herrmann

Anfänge im Ludwig Forum für Internationale Kunst
Gründer und Veranstaltungsleiter Rick Takvorian (64) hat eine lange abenteuerliche Reise hinter sich und blickt noch immer in die Zukunft, denn Tanz hört niemals auf. Susanne Schwier, Beigeordnete für Bildung und Kultur der Stadt Aachen, betont: „Es ist ein erstaunlicher Reifungsprozess, den wir mit schrit_tmacher erleben. Vom kleinen experimentellen Tanztheater zum renommierten Festival mit weltbekannten Kompanien, beeindruckenden Locations und toller grenzüberschreitender Partnerschaft.“ Inzwischen lege das Festival in der gesamten Euregio einen künstlerischen und kulturpolitischen Schwerpunkt, sagt Schwier.

Anfang der 90er Jahre übernahm Rick Takvorian am frisch eröffneten Ludwig Forum für Internationale Kunst an der Jülicher Straße das Management für Events, die die dort ausgestellte Kunst und die Begegnungen mit Künstlern der Gegenwart ergänzen und begleiten sollten. Nachdem er als Kulturjournalist in London die aufregend neuen Strömungen im Bereich des Tanzes beobachtet hatte und feststellte, wie genial die Wuppertaler Choreografin Pina Bausch den Tanz-Begriff auf jede Form von Bewegung, auf Sinnlichkeit und Ausdruck selbst geheimster Gefühle ausweitete, war ihm klar: Das ist eine Antwort auf die Kunst des Ludwig Forums.

„Ich habe die Kunstformen nie getrennt“
„Ich habe die Kunstformen nie getrennt“, sagt er heute. Waren damals Videoeinspielungen, abenteuerliche Installationen, in denen sich die Tänzerinnen und Tänzer bewegten, aufregende Ideen und abenteuerliche Experimente Trumpf, konzentriert sich die internationale Szene nun wieder auf Körper, Raum und Licht.
Die Variationen scheinen unendlich. Das hat das „schrit_tmacher“-Festival bei 25 Treffen bewiesen. 1993 war der Start, danach gab es zwei Pausen, dann endlich den regelmäßigen Jahresrhythmus, jedes Mal ein Kraftakt. Kamen zunächst hauptsächlich Compagnien aus dem euregionalen Raum – eine der ersten waren Irene K. und das Scapino Ballet aus Rotterdam  –, erweiterte man den Radius mehr und mehr. Auch das Team wurde größer.

Vor elf Jahren kam Management-Kollegin Steffi Gerhards dazu. „Es war von Anfang an spannend“, sagt die heute 33-Jährige. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen, musste mit Gästen aus aller Welt verhandeln, toll.“ Sie hat den Terminkalender fest in der Hand, kennt sich mit den Tücken der Hotel- und Flugbuchungen aus und weiß nicht zuletzt um die Wünsche der Teilnehmer – Pizza um Mitternacht zum Beispiel.

Wenn diesmal aus England die „Company Wayne McGregor“ in Aachen die Eröffnung bestreitet und parallel dazu „Vertigo Dance Company“ aus Israel in Heerlen den Start prägt, ist das für Schrittmacher „normal“. Künstler aus den USA, den asiatischen Ländern, Israel, Südafrika und Südamerika sowie Tänzerinnen und Tänzer aus dem gesamten europäischen Raum, wissen, was „Schrittmacher Aachen“ bedeutet.

Im Alten Schlachthof in Eupen zeigt die “Compagnie De Fracto“ ihr Werk „Dystonie“. Foto: Pierre Morel

„Das war etwas Neues, Spannendes“
Noch heute erinnert sich Takvorian an die ersten Tanz-Schritte im Space, dem kleinen Veranstaltungsraum im Untergeschoss des Ludwig Forums. Im Stile des Verhüllungsmeisters Christo war alles in helle Tücher eingepackt, die Tänzer tanzten eigentlich nicht – sie krochen wie archaische Wesen aus dem Untergrund zum Licht. „Das war etwas Neues, Spannendes“, erzählt Takvorian, der tapfer vor zunächst wenigen Zuschauern spielen ließ. Aber es sprach sich herum, dass da im Space etwas Neuartiges, Faszinierendes stattfand. Bald wurde es eng, der Tanz durfte in die Mulde. Inmitten der Kunst eine neue Herausforderung. „Es war wie eine Arena, Publikum rundum, das musste bei den Choreografien beachtet werden“, erinnert sich Takvorian an eine große Nähe zwischen Akteuren und Zuschauern. Hier staunte man zum Beispiel über Susanne Linke, die Grande Dame des Ausdruckstanzes, die eine Wanne aufbaute und mit viele Eleganz und Selbstironie, Lust und Furcht zu Debussy-Klängen ihr berühmtes Solo „Im Bade wannen“ tanzte.

Takvorian genoss die künstlerische Freiheit, die ihm zum Start der damalige Leiter des Museums, Wolfgang Becker, zugesagt hatte. „Er wünschte sich eine Erweiterung der ausgestellten Kunst, genau das war und ist für mich der Tanz, ich habe die Genres nie getrennt“, betont Takvorian. So schaute sich selbst die Jury des Aachener Innovationspreises Kunst der Peter und Irene Ludwig Stiftung das bewegte Kunstangebot mit Interesse an – ausgezeichnet wurden der „Taipei Dance Circle“ (1996) und der norwegische Choreograf Ingun Björnsgaard (1998) – er war es, der das Space „einpackte“.

Der Start im imponierenden Backsteinbau
Nach Jahren der Aufbauarbeit und Kontaktpflege kam ein Schnitt, der damals bei den Organisatoren für schlaflose Nächte sorgte. Die neue Museumsleitung entwickelte ein Konzept, das den Tanz in der Mulde nicht mehr vorsah. Was tun? Kein „schrit_tmacher“-Festival mehr? Aber Aufgeben war keine Option. Das Festival und ihr Leiter wurden Teil des Kulturbetriebes der Stadt Aachen. Die Fabrik Stahlbau Strang – ein imponierender Backsteinbau, staubig, urig, toll für Modern Dance, allerdings ohne Infrastruktur – bedeutete eine Chance. Das Angebot eines Architekturbüros, das Takvorian noch im Kopf hatte, damals aber nicht für realisierbar hielt, war der Rettungsanker. Die Besitzerfamilie Born spielte mit, der Ausbau mit entsprechender Veranstaltungstechnik und Zuschauertribüne in kürzester Zeit war ein Kraftakt.

Und das Festival musste nicht einmal aussetzen. Zusammen mit dem Bühnentechnik-Unternehmen „artec“ konnte bereits 2011 das erste Programm starten. Dicke Schuhe und Mäntel waren angesagt, denn es war noch ganz schön kühl und staubig im Industrieraum, den bis heute eine Uhr und der gigantische Haken eines fahrbaren Krans dominieren. Schrittmacher 2011 – das war etwa die „Compagnie DanzAbieta“ aus Kuba, die mit medialen Mitteln wiederum an die einstige Space-Tradition anknüpfte: Getanzt wurde zu Videoprojektionen, begleitet von einem massiven Sound. Emotionen pur, die Gefühle junger Menschen in Kuba, durchzogen vom „Son“, der Musik des Landes. „schrit_tmacher“ ist international, ob Flamenco, afrikanischer Tanz, Square Dance, klassisches Ballett oder sogar Street-Dance-Elemente bis hin zum brasilianischen Kampftanz Capoeira.

Die „Company Wayne McGregor“ ist in der Aachener Fabrik mit der Produktion „Far“ zu sehen. Foto: Ravi Deepres

Der Tango wird im Rahmen des 25. Festivals in Eupen im Mittelpunkt stehen – bei Francisco Leiva und Laura Roatta, die den „Roméo & Juliette Tango“ in Szene setzen. Gefühle zwischen Liebe und Leid, Hass und Kampf, Dominanz und Unterwerfung, aber auch Fragen nach den Ursprüngen der Schöpfung, uralten Mythen und archaischen Rituale verbinden sich bei den Tänzerinnen und Tänzern aus aller Welt zu immer neuen Bildern. Musikalisch reicht das Spektrum von Bach bis zum Techno-Beat. Da darf es sogar bis an die Grenzen des Erträglichen gehen.

250.000 Besucher bei 25 Festivals
Auf die „schrit_tmacher“-Bilanz sind alle stolz: Rund 250.000 Besucher bei 25 Festivals mit steigender Tendenz. 300 Compagnien aus der ganzen Welt, inzwischen mit „Generation 2“ ein anspruchsvolles Programm für den Nachwuchs, bei dem angesagte Gast-Compagnien Workshops für tanzbegeisterte Jugendliche und angehende Tänzerinnen oder Tänzer anbieten. Mit dem „Nederlands Dans Theater“, das diesmal in Heerlen seine Produktion „Standalone“ zeigt und der „Company Wayne McGregor“ („Far“) in der Aachener Fabrik prägen zuverlässige Größen die diesjährigen Eröffnungen. Und wenn das „Phoenix Dance Theatre“ seine Interpretation von Igor Strawinskys aufwühlender Komposition „Le Sacre Du Printemps“ als „The Rite of Spring“ zeigt, folgt es damit einer kleinen Tradition des Festivals, diese Werk möglichst häufig und in immer neuen Umsetzungen auf die Bühne zu bringen. Was Veranstaltungsleiter Takvorian bis heute begeistert, fasst er schlicht zusammen: „Der beste Wow-Moment entsteht im leeren Raum durch pure Bewegung.“

INFOS
Das Festival „schrit_tmacher“ findet statt: 3. März bis 5. April 2020, Aachen, Heerlen, Eupen.
Infos und Tickets: www.schrittmacherfestival.com

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